Die Berufsbiographie des bekannten und einflussreichen Kölner Wirtschaftshistorikers Bruno Kuske (1876-1964) ist das Thema der aufschlussreichen Aachener Dissertation von Marc Engels. Der Autor skizziert zunächst die akademische Sozialisation Kuskes (S. 39ff.), der von 1903 bis 1908 am Historischen Archiv der Stadt Köln seine Edition Quellen zur Geschichte des Kölner Handels und Verkehrs im Mittelalter erarbeitete (4 Bde., 1917-1923 publiziert), sich 1908 an der Kölner Handelshochschule habilitierte und 1912 dort eine Dozentenstelle für Wirtschaftsgeschichte übernahm. Von 1917 bis 1951 war der Sozialdemokrat Bruno Kuske dann der erste wirtschaftshistorische und wirtschaftsgeografische Ordinarius an einer deutschen Hochschule. Ehrgeiz, ein ausgeprägtes Streben nach materieller und öffentlicher Anerkennung sowie Sozialprestige kennzeichneten ihn ebenso wie Staats- und Autoritätsfixierthek. Engels kann überzeugend darlegen, dass der Wissenschaftler Kuske sich als Dienstleister für das politische und ökonomische System [verstand], der wirtschaftshistorisch-geographisches Wissen für Planungsaufgaben bereitstellte (S. 49): Kuske bemühte sich darum, die Geopolitik in die Wirtschaftsgeografie zu integrieren und in seiner Wirtschaftsraumlehre die konstituierenden natürlichen und historischen Faktoren eines Wirtschaftsraumes zu analysieren und als Entscheidungsgrundlage für die Politik aufzubereiten (S. 48). Engels zeichnet in seiner Untersuchung ausführlich nach, wie sich Kuskes von geopolitischem Großraumdenken geprägter Ansatz seit den Jahren des Ersten Weltkriegs über die Weimarer Republik und die NS-Zeit bis in den Zweiten Weltkrieg entwickelte und mehr und mehr radikalisierte, und wie er dabei zeitgenössische Theoreme wie Volk, Rasse und die Lebensraumtheorie in seine Arbeiten [inkorporierte] (S. 48). Kuskes Forschungen und Publikationen sind vor allem dem Wirtschaftsraum der Rheinlinie gewidmet, der für ihn mit angrenzenden Räumen vielfach verflochten war und dessen Zentrum für ihn die Stadt Köln darstellte. Betätigte sich Kuske während der Weimarer Zeit von Köln aus als unermüdlicher Forschungsorganisator und Netzwerker in der neuen Raumforschung sowie der Westforschung, der Volksforschung und der empirischen Wirtschaftsforschung, so ist hier bereits eine zunehmende Politisierung seiner Arbeit (S. 109) zu erkennen. Der >Politikberater< Kuske war in den Medien - auch dem modernen Radio - massiv präsent, vertrat lokale und regionale Interessen, etwa der Stadt Köln, fertigte parteiische Auftragsgutachten, hielt zahlreiche Vorträge, popularisierte die Wirtschaftsgeschichte im großen Stil und wirkte auch an wichtigen Ausstellungen mit. Stilisierte sich der Sozialdemokrat Kuske nach 1945 als Opfer und Gegner des Nationalsozialismus (kurzzeitige Verdrängung und Entzug des Lehrstuhls1933/34, mehrwöchige Inhaftierung nach dem 20. Juli 1944), so kommt Engels´ eingehende Untersuchung seines Agierens in den Jahren von 1933 bis 1945 zu einem deutlich anderen Befund: Der Kölner Wirtschaftshistoriker legte im nationalsozialistischen Deutschland nicht nur einen ausgesprochenen Opportunismus an den Tag (Ulrich S. Soenius), sodass er seine Karriere als Hochschullehrer und Publizist ungebrochen fortsetzen konnte. Vielmehr ging seine >Anpassung< soweit, dass Kuske in der Presse omnipräsent (S. 127) blieb, bei politischen Schulungen oder Propagandaveranstaltungen auftrat und seine Forschungsbemühungen und zahllosen Veröffentlichungen reibungslos in den Dienst der Lebensraumvorstellungen des NS-Regimes stellte. Der >Politikberater<, Netzwerker und Organisator von universitärer und außeruniversitärer Forschung wurde etwa im Rahmen der nationalsozialistischen Reichsstelle für Raumordnung sowie der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung aktiv, und Kuske leitete schließlich die Hochschularbeitsgemeinschaft für Raumforschung an der Kölner Universität, deren Arbeit der nationalsozialistischen Expansionspolitik diente.) Als in der ersten Hälfte des Zweiten Weltkriegs für die diversen Planungsstäbedes NS-Regimes ethnische und ökonomische Neuordnungen - vor allem im Osten, aber auch in Westeuropa - auf die Agenda rückten, begann für die West-und Raumforschung eine neue Phase. Hatten Kuskes Arbeiten schon in der Weimarer Zeit eine antiwestliche Stoßrichtung aufgewiesen, so gestaltete sich sein von einer Großraumideologie geprägtes Konzept einer westeuropäischen Wirtschaftsgemeinschaft in dieser Phase zunehmend zur Zwangsvereinigung Westeuropas unter deutscher Herrschaft: Es war als ein germanischer Wirtschaftsraum in Nordwesteuropa konstruiert, in welchem den anderen Völkern nach völkischen beziehungsweise rassischen Kriterien bestimmte dienende beziehungsweise >ergänzende< Funktionszuweisungen zukamen (S. 187). Die Forschungsbemühungen, Publikationen und Ausstellungsarbeiten Kuskes sowie seiner Kollegen kreisten in immer raumgreifenderen und aggressiveren Varianten (S. 363) um dieses asymmetrisch gestaltete ökonomische Großraumkonzept, das vor allem die Niederlande, Belgien sowie Nordfrankreich erfasste, und als dessen Kern nach wie vor Köln fungierte. Im weiteren Verlauf des Zweiten Weltkriegs entwickelte der ehrgeizige Kölner Wirtschaftshistoriker und Wirtschaftsgeograf - zusätzlich zu seiner Netzwerkarbeit und seiner Publikationstätigkeit in den besetzten Westgebieten - dann auch eine geradezu erstaunliche Präsenz innerhalb nationalsozialistischer Medien auf Reichsebene (S. 266). Das im Haupttitel von Engels´ zitierte Schlagwort von der imaginären Wirtschaftsgemeinschaft des Westlandes prägte Kuske in einem Aufsatz für die Zeitschrift Westland 1934/44. Hinter diesem Organ stand die SS, und die Zeitschrift postulierte für den Westen eine >Gemeinschaft< zwischen den deutschen Herrschern und den Beherrschten, die für die Zwecke der deutschen Ostaggression instrumentalisiert werden sollte (S. 267). Kuske lieferte für die offiziellen Publikationen der westlichen Besatzungsverwaltungen [...] das wirtschaftsgeographisch-historische Expertenwissen als Herrschaftslegitimierung (S. 269) und war - so Engels - explizit bereit, sich an politischer Zweckmäßigkeit zu orientieren (S. 270). Von 1942 bis 1944 war Kuske schließlich intensiv in die Germanische Forschungsaufgabe involviert. Es handelte sich um ein Großraumforschungsprojekt der SS, welches als Forschungsverbund für den Westen eine komplementäre Lebensraumplanung zu den Ostplanungen darstellen sollte und aus einem Niederlande- sowie einem Belgien-Nordfrankreich-Programm bestand. Seine nachträglichen Distanzierungsbemühungen aus dem Jahr 1945 kann Engels widerlegen (S. 351). Nach Kriegsende konstruierte Kuske sich im Sommer 1945 einen neuen Lebenslauf, indem er Weglassungen und Erfindungen, Über- und Untertreibungen, Halb- und Unwahrheiten kombinierte (S. 371). In diversen Funktionen und als Hochschullehrer versuchte der Wissenschaftsmanager Kuske nun noch einmal vergeblich, eine gleichsam defensive Variante seiner Westforschung in einer staatlich gelenkten Raumforschung durchzusetzen. Marc Engels´ detaillierte Studie über Bruno Kuske liefert zahlreiche neue Erkenntnisse zur sogenannten Westforschung sowie den beteiligten Akteuren und stellt damit einen wichtigen Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte des Nationalsozialismus dar. Zugleich ist seine Untersuchung auch für die Regionalgeschichte der NS-Zeit von großem Interesse.Stefan Wunsch, Köln