Die Publikation beschäftigt sich mit verschiedenen schadstoffbedingten Gesundheitsrisiken in der Wohn- und Arbeitsumwelt, der Risikodefinition und -kommunikation sowie mit der gesellschaftlichen Verantwortung in der Prävention. Einleitend wird darauf hingewiesen, dass Public Health und umweltbezogener Gesundheitsschutz in der Praxis nebeneinander herlaufen und in der Gesundheitsberichterstattung des Robert-Koch-Instituts der Schadstoff-Exposition in Wohn- und Arbeitsumwelt eine eher untergeordnete Bedeutung zukommt. Die Untersuchung der Schadstoffbelastung der Bevölkerung ist eine Aufgabe des Umweltbundesamtes, während die Institutionen des Arbeitsschutzes in der Arbeitsumwelt gesundheitspräventiv tätig sind. In den Kapiteln „Arbeitsumwelt“ werden die Asbestproblematik, die arbeits- und berufsbedingten obstruktiven Lungenerkrankungen, die Styrolbelastung, krebserzeugende Arbeitsstoffe und der Nichtraucherschutz am Arbeitsplatz diskutiert.
Die Kapitel „Wohnumwelt“ beschäftigen sich mit der gesundheitlichen Bewertung von pestizidbelasteten Wohnungen, dem Biological Monitoring, Humanbiomonitoring versus Ambient-Monitoring, der Leukämie bei Kindern durch PCB-belasteten Hausstaub sowie der Krebsgefahr für Kinder durch Tabakrauch-Rückstand.
Kritisch wird auf den bereits 2004 in der Zeitschrift „Umweltmedizin in Forschung und Praxis“ erschienenen Artikel verschiedener Autoren zum Biological Monitoring eingegangen, der ein „Unwillen Gesundheitsrisiken rational abzuschätzen und die Lust an radikalen Maßnahmen“ konstatiert. Die Autoren dieser Arbeit wiesen darauf hin, dass bei der Expositionsabschätzung mit der darin enthaltenen Worst-Case-Betrachtung sowie der Herleitung der Interventions- und Zielwerte irrationale Relationen entstehen können. Mitarbeiter auf lokalen Ebenen, denen oftmals der erforderliche Sachverstand über die Zusammenhänge der Ableitung von Grenzwerten fehle, müssen anhand von Messwerten darüber entscheiden, welche Sanierungsmaßnahmen getroffen werden.
Das führe dazu, dass man sich strikt an den vorliegenden Grenzwerten und zur Sicherheit natürlich am kleinsten, d.h. dem Zielwert, orientiert. Dabei werden die speziellen Gegebenheiten der Erzielung der Messwerte ebenso wenig beachtet (z.B. Messung bei geschlossenen Fenstern und Türen und möglichst hohen Temperaturen), wie die speziellen Expositionsverhältnisse, z.B. die Aufenthaltsdauer in Räumen. Auch wenn der Interventionswert nicht überschritten wird, so reiche es häufig schon, wenn einige Messwerte höher liegen als der Zielwert, um aufwändige und kostenintensive Sanierungsmaßnahmen einzuleiten. Betroffene üben oft, auch unterstützt durch die Medien, einen erheblichen Druck auf die lokalen Entscheidungsträger aus, die sich diesem nicht entziehen können. Zitat: „Dies alles führt in der Regel zur dramatischen Überschätzung der tatsächlichen Gesundheitsrisiken.
Der Druck der Betroffenen, der Öffentlichkeit und der Medien führt zur striktesten Auslegung der Mess- und Grenzwerte. Dies zieht (Sanierungs-) Maßnahmen nach sich, deren Aufwand im Verhältnis zur Verbesserung der gesundheitlichen Situation jede Vernunft vermissen lässt. Es kommt zu einer sinnlosen und ethisch nicht zu vertretenen Verschwendung wirtschaftlicher Ressourcen, die dort fehlen, wo sie besonders notwendig wären, wie z.B. im Bereich der Bildung und Forschung.“ Es wird empfohlen, mittels des Biological Monitoring die vom Menschen tatsächlich aufgenommenen Schadstoffmengen abzuschätzen, statt sich auf worst-case-Betrachtung zu stützen.
Oberland weist in einer kritischen Stellungnahme zur oben zitierten Arbeit von 2004 darauf hin, dass es in Deutschland bislang ein oft schwer nachvollziehbares Nebeneinander und Gegeneinander verschiedener Regulationsbereiche gibt und dass die von der Bundesregierung 2000 eingesetzte Ad-hoc-Kommission „Neuordnung der Verfahren und Strukturen zur Risikobewertung und Standardsetzung im gesundheitlichen Umweltschutz der Bundesrepublik Deutschland“, kurz Risikokommission genannt, umfangreiche Vorschläge zum weiteren Vorgehen gemacht hat. Es gehe bei einer guten Risikoregulierung nicht um verschiedene Monitoring-Techniken, sondern in erster Linie um Maßstäbe und Standards, auf welche die Monitoring-Befunde zu beziehen sind. Es sei hierbei zu klären, welche Wirkungen eines Schadstoffes als advers betrachtet werden, wer mit welchem Schutzniveau zu schützen ist, ob es um Vorsorge oder Gefahrenabwehr geht und welches Maß an Unsicherheit toleriert werden soll. Letztlich müssen aber politische Instanzen entscheiden, da es sich hier um Setzungen gesellschaftlich-normativer Art handelt. Als Fazit wird darauf hingewiesen, dass die auf Extrapolation toxikologische Basisdaten und Ambient-Monitoring gestützte Risikoabschätzung Schwächen hat, das aber das Humanbiomonitoring nicht als untrüglicher Goldstandard für die Risikoabschätzung im Niedrigdosisbereich fungieren kann.
Im Kapitel Krebsgefahr für Kinder durch Tabakrauch-Rückstand wird der Frage nachgegangen, wie die tabakspezifischen Nitrosamine entstehen und welche Bedeutung ihnen für das Krebsrisiko bei Kindern zukommt, die Tabakrauch-Rückstand ausgesetzt sind. Beim Passivrauch steht die inhalative Exposition im Vordergrund, beim Tabakrauch-Rückstand (THS) als einem Kondensat aber die ingestive und dermale Exposition.
Die Autoren fordern, dass die Institutionen des öffentlichen Gesundheitswesens sowie private Institute, die auf dem Gebiet der Innenraumhygiene tätig sind, den THS eine besondere Beachtung schenken und vor allem rauchende Eltern minderjähriger Kinder über die im THS schlummernden Gefahren aufklären. So glauben viele Eltern, dass ihre Kinder ausreichend gegen Tabakrauch geschützt sind, wenn sie in deren Anwesenheit nicht oder nur auf dem Balkon rauchen. Das Auftreten von THS ist aber zeitlich und räumlich nicht an den Rauchvorgang gebunden und eine Exposition kann nur durch einen völligen Rauchverzicht vermieden werden.
Die vorliegende Aufsatzsammlung zeigt die Bedeutung verschiedener schadstoffbedingter Gesundheitsrisiken in der Arbeit- und Wohnumwelt auf, leistet einen Beitrag zur Aktivierung und Verbesserung des interdisziplinären Gedankenaustausches und ist allen zu empfehlen, die sich mit dem Einfluss von Wohnen und Arbeiten auf die Gesundheit beschäftigen.
Prof. Dr. med. Klaus Fiedler, Berlin