In einer Zeit, in der alte Freund- und Feindbilder ins Wanken geraten und teilweise neu justiert werden, kann der vorliegende Sammelband1 durchaus wertvolle Orientierungshilfe leisten. Er enthält siebzehn Beiträge der vom 21. bis 23. Oktober 2016 in Berlin veranstalteten Tagung2 der Projektgruppe Europäische Wissenschaftsbeziehungen der Akademie Gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt und ist mit umfangreichem Bildmaterial ausgestattet. Nach der ersten Tagung im Februar 2015 in Erfurt ist es die zweite zu dieser Thematik,3 die einen aufschlußreichen Einblick in den Umfang und die Vielfalt der deutsch-russischen Kontakte und Kooperationen vermitteln will. In den beiden Grußworten, des Akademiepräsidenten Klaus Manger und des russischen Botschafters Vladimir Grinin, wird auf die besondere Bedeutung dieser Tagung und ihrer Thematik gerade in unserer von politischen Verwerfungen gekennzeichneten Zeit, hingewiesen. Abseits der Tagespolitik und der „Hysterie in den Mainstream-Medien“ zeigt diese grenzüberschreitende, von den jeweiligen Konjunkturen fast unberührte Zusammenarbeit in Wissenschaft, Kultur und Bildung zum gegenseitigen Nutzen ein solides und hoffnungsvolles Bild. Wie wichtig die Verbindungen zwischen der Göttinger und Moskauer Universität im 18. Jahrhundert für beiden Seiten waren, läßt sich, wenn auch die entsprechenden Archive noch unzureichend ausgewertet sind, schon erahnen, wie Daria Barow-Vassilevitch und Catherine Squires im ersten Beitrag des Sammelbandes über Göttinger Absolventen an der Moskauer Kaiserlichen Universität deutlich machen. Da die wissenschaftlichen Kontakte bis 1917 kaum Formalien unterlagen, wie wir sie kennen und wie sie manchmal die Zusammenarbeit eher behindern als fördern, lassen sich die frühen russischen Kontakte der Erfurter Akademie der Wissenschaften nicht ohne weiteres mit Dokumenten belegen. Daß sie bestanden, zeigt Jürgen Kiefer am unmittelbaren Wirken Erfurter Akademiemitglieder in Rußland, Doppelmitgliedschaften in der Erfurter und in der St. Petersburger Akademie usw. Auf die bisher kaum bekannte und gewürdigte Bedeutung des Grafen Carl Friedrich von Anhalt für den Ausbau der deutsch-russischen Wissenschaftsbeziehungen unter Katharina II. macht der Beitrag von Michael Schippan aufmerksam. Als nächstes legt uns Hartmut Walravens den vollständig abgedruckten vorletzten Teil aus dem vor allem für die Botanik ergiebigen Reisebericht des Memeler Arztes Johann Redowsky von Jakutsk nach Ochotsk vor. Gleich mehrere Beiträge widmen sich einem weiteren wichtigen Feld, nämlich der deutsch-russischen Zusammenarbeit in den Naturwissenschaften und vor allem in der Medizin. Sie stehen vielleicht etwas im Schatten der öffentlichkeitswirksameren Kontakte in der Kultur, sind aber sicherlich nicht weniger bedeutsam. So beleuchtet Elena Roussanova die engen Verbindungen zwischen den ersten Pharmazeutischen Gesellschaften in Deutschland und in Rußland, und Hans-Walter Lack und Dmitrij V. Geltman thematisieren die engen Beziehungen des Direktors des Königlichen Botanischen Gartens zu Berlin Adolf Engler zu Botanikern in Rußland. Ein wichtiges Kapitel für die Hirnforschung stellt die Gründung des Petersburger Psychoneurologischen Instituts 1907 dar, bei dessen Einrichtung der erste Direktor Alexander Bechterev die im Austausch mit deutschen Kollegen gesammelten Erfahrungen verwertet, welche Ingrid Kästner näher beschreibt. An die Bedeutung Ernst Friedrich Wilhelm Meumanns für die Entstehung der Anfang des 20. Jahrhunderts in Rußland zur Blüte kommenden und dann von den Kommunisten verbotenen Pädologie erinnert Marina Sorokina. Welche Funktion das Medizinhistorische Pauls-Stradins-Museum im damals russischen Riga als Mittler zwischen den Museen in Ost- und Westeuropa erfüllte, erläutert dann Juris Salaks. Weitere Beispiele für die engen deutschrussischen Beziehungen liefern die Zusammenarbeit von deutschen und russischen Frauenärzten vor und nach 1990 (Andreas D. Ebert) oder das Wirken des Koch-Metschnikow-Forums, gerade auch in schwierigen Zeiten (Helmut Hahn, Timo Ulrichs). Die über die Gesellschaft der Freunde des Neuen Russland (1923 - 1933) kanalisierten Beziehungen zu sowjetischen Institutionen analysiert Annette Vogt und geht dabei näher auf die Rolle des deutschen Mathematikers Emil Julius Gumpel ein. Gleich zwei Arbeiten erläutern die verschiedenen Probleme der russischschweizerischen und dann später der deutsch-russischen Zusammenarbeit bei der Edition des Eulerschen Nachlasses (Andreas Kleinert; Peter Hoffmann). Eine direkte Zusammenarbeit war angezeigt, da so der Nachlaß des berühmten Schweizer Mathematikers Leonhard Euler, der nach dem Studium in Basel zunächst in Rußland und dann in Preußen wirkte, leichter zusammengeführt werden konnte. Auf den hoffnungsvollen Beginn der Soziologie in Rußland mit engen Beziehungen zu Westeuropa, die dann von den Kommunisten liquidiert wurde, geht Wolfgang Geier ein. Wehmütige Erinnerungen an die gute alte Zeit, die aber letztlich nicht immer so gut war, läßt Margit Brauer in ihren Erinnerungen an die fruchtbare Zusammenarbeit des Berliner Aufbau-Verlages mit dem Moskauer Verlag Chudožestvennaja Literatura aufkommen. Von vielen Früchten dieser einst umfangreichen Zusammenarbeit profitieren wir noch heute, wie die auch ökonomisch weniger profitabler Übersetzungen aus den kleineren Literaturen der Sowjetunion oder vorzügliche Übersetzungen klassischer russischer und sowjetrussischer Literatur illustrieren. Mit dem Einführungsvortrag von Michael Schippan zur abschließenden wissenschaftlichen Exkursion in das Schloß Charlottenburg enden die Vorträge dieser Veranstaltung, die uns ein beeindruckendes und informatives Panorama der vielseitigen und tiefen kulturellen und wissenschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Völkern entwirft. Klaus Steinke 1 Inhaltsverzeichnis: https://d-nb.info/1096491613/04 2 Tagungsprogramm: www.hsozkult.de/event/id/termine-32060 [2018-08-04]. 3 Die Beiträge der ersten Tagung der Projektgruppe sind im folgenden Band veröffentlicht: Deutsch-russische kulturelle und wissenschaftliche Wahrnehmungen und Wechselseitigkeiten vom 18. zum 20. Jahrhundert / Ingrid Kästner, Wolfgang Geier (Hgg.). - Aachen : Shaker, 2016. - 305 S. : Ill. ; 21 cm. - (Europäische Wissenschaftsbeziehungen ; 11). - ISBN 978-3-8440-4438-6 : EUR 35.80 [#5203]. - Rez.: IFB 17-4 http://www.informationsmittel-fuer-bibliotheken.de/showfile.php?id=8650